Kleinod mit Anspruch

Ein kleiner Schups – und unser Boot gleitet weg vom Steg. Die Ruderblätter durchwirbeln das dunkle Wasser. Was da unten ist, lässt sich nur erahnen. Hier oben ist jedenfalls Ruhe. Nur ein paar Nilgänse sind vom anderen Seeufer her zu hören.

Eine Ruderpartie ist nur eine Art, Natur zu genießen. Natürlich. Schön ist die Komposition aus Grün, Blau, aus Gerüchen und Geräuschen schon, wenn man mit einem Stück Kuchen in der Sonne am Seeufer sitzt. Keine Frage. Doch auf dem Wasser ändert sich die Sichtweise bereits. Und wenn man bei seiner Betrachtung an Zeit und Perspektive dreht, wird aus einem kleinen See ein Schmuckstück, das Produkt von Erdzeitaltern, voller Geschichte und Geschichten. Jede Facette schillert geradezu, wenn man den Blickwinkel ein wenig verändert.

Das Hücker Moor im Kreis Herford ist so ein Schmuckstück. Eigentlich sieht es unspektakulär aus; eine Wasserfläche von nicht einmal zwölf Hektar, ein paar Ausflugslokale, Bäume drum herum... Doch spannend ist es aus unterschiedlichen Gründen: Einmal, weil man hier Zeuge von wenigstens 250 Millionen Jahren Erdgeschichte ist. Und zum anderen, weil es hier gelingt, die Interessen von Natur und Erholungssuchenden unter einen Hut zu bringen.

Ein guter Einstieg ins Moor ist die Erkundung per Muskelkraft. An jedem der kleinen Wirtshäuser am Ufer lassen sich kleine Boote mieten. „Das Hücker Moor ist eines der wichtigsten Naherholungsgebiete im Kreis“, erklärt Karin Bohrer von der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Herford. Obendrein ist es auch die größte Wasserfläche der Umgebung. Das birgt naturgemäß Konflikte in sich. Denn Naturschutz und Freizeitspaß können sich in die Quere kommen.

In solch einem Spannungsfeld liegt auch das Hücker Moor. Prinzipiell. Doch hier hat man sich verständigt. „Es gibt bereits seit 1992 einen runden Tisch“, erklärt die Biologin, „in diesem Arbeitskreis wird besprochen, wie man die Bedürfnisse aller Beteiligten am besten bedienen kann.“ Mit dabei sind Gastwirte, Naturschützer, Angler, Jäger – insgesamt zehn Gruppierungen beziehungsweise Personen, die alle ihre Interessen an einem intakten See haben. Schirmherr und Schlichter ist die Stadt Spenge. Und auch Frau Bohrer ist mit dabei. „Früher war hier mehr Remmidemmi. Aber mittlerweile hat man sich darauf verständigt, dass die Gaststätten die Nordseite nutzen und für den Naturschutz die Südseite vorgesehen ist.“ Das ging und geht natürlich nicht immer ohne Unstimmigkeiten, aber „im Wesentlichen sind alle damit zufrieden“, sagt Karin Bohrer. Der Moorerhalt ist die gemeinsame Basis.

„Ein Eisvogel! Dort!“ Sie deutet in Richtung der Weiden am Ufer, doch da ist er schon wieder fort. Die Augen offen zu halten, ist das Wichtigste, wenn man die Facetten des Naturschatzes erkennen will.

Auf den ersten Blick erscheinen Wasserfläche und Name nicht zusammen zu passen. „Beim Hücker Moor handelt es sich um einen Moorsee“, sagt die Biologin. Das ehemalige Niedermoor wurde bereits Ende des 18. und im 19. Jahrhundert genutzt. Leicht war es für die Menschen nicht, an den Torf zu kommen, denn die Senke ist immer wieder mit Wasser vollgelaufen. Gut ist die Moorausbeute zu erkennen, wenn man auch hier die Perspektive ändert: Aus der Luft lassen sich noch heute die „Finger“ erkennen, also die stehengebliebenen Rampen, auf denen der Torf abtransportiert wurde. Und somit sieht man auch, dass es seinerzeit einige Parzellen gab, auf denen gearbeitet wurde. Torf war eben ein wichtiger Brennstoff für die umliegenden Siedlungen.

Aber die Geschichte des Moores reicht natürlich noch viel weiter, in eine Zeit, in der an Menschen nicht einmal zu denken war; im Perm sorgte die stetig wachsende Lücke zwischen Norwegen und Grönland dafür, dass Wasser in das sogenannte germanische Becken floss. Ein Meer war geboren, das Zechsteinmeer. Es war heiß in Mitteleuropa vor 250 Millionen Jahren und das Meer verdampfte. Nur das Salz blieb zurück.

Eine solche Salzlinse aus der Urzeit lag auch unter dem heutigen Hücker Moor. Das Salz wurde jedoch Stück für Stück aus dem Untergrund gewaschen, eine gewaltige Kaverne entstand und während der Eiszeit kam es dann zu einem Erdfall, wie die Geologen sagen. Die oberste Sedimentschicht stürzte ein und in der Landschaft klaffte eine Grube. Steine und Sand füllten einen Teil dieses Hohlraums und bildeten eine Schicht von rund 50 Metern. Wasser sammelte sich da herinnen, Pflanzen siedelten sich an. Mit den Jahrhunderten verlandete der See zusehends und schließlich war das Niedermoor entstanden, das viel viel später westfälischen Bauern eine warme Stube bescherte.

Davon ahnt man freilich nichts, wenn man so über das Wasser gleitet. „Fünf bis sechs Meter war die Torfschicht mächtig“, sagt Karin Bohrer, während das Boot sich dem südlichen Ufer nähert. Eine Krickente sucht das Weite, ein Graureiher schaut uns nach. Weiden und Erlen stehen am Ufer, manche lassen ihre Zweige ins Wasser baumeln. Man sieht auch aus dem See ragende Pfosten, die mit lose aufgehängten Balken verbunden sind. „Das ist ein Schutz. Damit sollen Besucher erinnert werden, dass in diesem Teil die Natur ungestört bleiben soll.“

Unaufgeregt wird hier der Natur zu ihrem Recht verholfen. Und manchmal behutsam Hand angelegt. Auch das geschieht zum Schutz des Ökosystems, denn der See ist gerade mal einen halben Meter tief und sehr nährstoffreich. Eingespülter Dünger aus der Landwirtschaft, Laub und kräftiges Algenwachstum im Sommer lassen eine mächtige Faulschlammschicht am Seegrund entstehen. Die Gefahr ist groß, dass der See kippt, das heißt, dass es vor allem im Sommer einen Mangel an Sauerstoff im Wasser geben kann. Mit verheerenden Folgen für die Tiere. Um dem vorzubeugen, sind beispielsweise an einem Teil des Ufers die Bäume gefällt worden. „So kann der Wind besser über das Wasser streichen und Sauerstoff untermischen.“

Frau Bohrer verweist auch auf ein Floss, dessen Aufbauten von einer Plane verdeckt werden. „Damit pumpt der Angelverein regelmäßig einen Teil des Schlamms heraus“, sagt die Biologin. Auf diese Weise helfen die Angler dem See - und ihrer Beute selbstverständlich auch.

Denn in dem Gewässer gibt es einiges zu fischen, da tummeln sich Plötzen, Brachsen, Güster, Karpfen, Welse, Aale, Zander und Rotfedern. 20 Kilogramm schwere Karpfen und Welse, die fast zwei Meter maßen, sind hier bereits gefischt worden.

Damit nicht genug, denn Amphibien, Muscheln und Insekten fühlen sich hier genauso wohl. Zahlreiche Libellen und mehr als 220 Schmetterlingsarten hat man nachgewiesen. Manchmal sieht man sogar Sumpfschildkröten, wie sie sich auf im Wasser liegenden Stämmen sonnen. Auch – allerdings eingesetzte – Rot- und Gelbwangenschmuckschildkröten finden sich mitunter.

Ebenso beeindruckend ist die Vielfalt der Vögel, von denen sich hier rund 50 Arten herumtreiben: Rote Milane zum Beispiel, Uhus, Kiebitze oder eben die bereits gehörten Nilgänse. Im Röhricht am Ufer brüten Teichrohrsänger und manchmal kann man die Nachtigall singen hören. Der See ist ein Treffpunkt für Zugvögel und Ausflügler gleichermaßen. An lauen Sommerabenden, wenn man am Ufer dem Sonnenuntergang nachschaut, huschen Wasser- und Bartfledermäuse über die Wasseroberfläche.

Doch der See steht nicht allein da. Es ist Teil eines insgesamt 62 Hektar großen „geschützten Landschaftsbestandteils“, zu dem neben der Wasserfläche auch Äcker, Wiesen und Wälder gehören. Die Feuchtwiesen, der Sumpfgürtel, die Hecken und der Erlenbruchwald – sie alle bieten Möglichkeiten, Natur zu entdecken. Ein Wanderweg führt den Besucher durch die Landschaft und bietet ihm auch von dieser Seite aus neue Perspektiven auf das Gefüge aus Land und Wasser und wie diese Elemente ineinander greifen.

Kaum hörbar stößt das Boot wieder an den Steg. Der Wirt kommt schon und geht helfend zur Hand. "Und? War es schön?" Fragt er, lächelt und reicht eine Hand zum Ausstieg. "Ja."

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